Ecuador war das erste lateinamerikanisches Land, das wir besuchten. Ecuador ist das einzige Land der Welt, das der Natur selbst verfassungsmäßige Rechte zugesteht. Seit 2008 hat die Natur — Pachamama — das Recht zu existieren, zu bestehen und sich zu regenerieren. Jeder Mensch kann diese Rechte vor Gericht für sie einfordern.
Und es kommt noch besser: Ecuador war das erste Land weltweit, das alle 27 internationalen Menschenrechtsabkommen ratifizierte. Und laut Verfassung haben sogar Ausländer im Land dieselben Rechte und Pflichten wie Ecuadorianer.
Ein Land, das Natur und Mensch so ernst nimmt wie kein anderes auf der Welt.
Das Tal der Langlebigkeit
Unser Ziel war Vilcabamba, rund 1.500 Meter hoch in den Anden. Als Eselsbrücke merkten wir uns den Namen als “Wilde Pampa”. Das beschrieb den Ort sehr gut. Der eigentliche Name kommt aus dem Quichua, Huillca Pamba, heiliges Tal. Weltberühmt wurde der Ort in den 1970ern als Valley of Longevity — Tal der Langlebigkeit. Menschen hier sollen außergewöhnlich alt werden, manche angeblich über hundert. Wissenschaftler untersuchten irgendwann das Wasser und fanden eine seltene Balance an Mineralien. Und das Beste ist, dass in Vilcabamba tatsächlich Trinkwasser aus der Leitung kommt. In einem Land, in dem das eine echte Seltenheit ist.
Schnell merkten wir allerdings, dass dieses Privileg sich auf den Ort selbst beschränkte. Schon im nächsten Dorf war das Wasser verunreinigt. Ein Wermutstropfen — aber wir saßen am glücklichen Ende der Leitung.
Die Kräuterhexe im Amazonas
Wie in jedem Land knüpften wir schnell Kontakte. Etwas tiefer im Amazonas-Urwald besuchten wir eine Frau, die als Kräuterhexe bekannt war. Schon auf dem Weg zu ihr fiel uns etwas auf: Über die einzige größere Straße, die durch die Gegend führt, rollten immer wieder LKWs, vollbeladen mit — wir wussten nicht, womit.
Wir fragten sie danach. Selbst sie konnte uns nicht genau sagen, was da abtransportiert wurde, vermutete aber Gold. Aber den Raubbau an der Natur kritisierte sie deutlich. Sie ist selbst indigen, hat viel Kontakt zu Stämmen und Dörfern tief im Urwald — und auch diese werden zunehmend zurückgedrängt und vertrieben.
Wir fragten sie: Hat die Natur in Ecuador nicht Rechte? Steht das nicht sogar in der Verfassung?
Sie lächelte nur müde.
Wo kein Kläger, da kein Richter.
Die Kleinen können sich einen Prozess einfach nicht leisten. Also wird weiter geplündert.
Ein Recht ohne Durchsetzung ist Literatur
Das war für uns ein großes Aufwachen. Ein Recht, das niemand durchsetzen kann, ist Literatur — kein Schutz.
Und es blieb nicht bei der Natur. Auch die Menschenrechte, die Ecuador so vorbildlich unterschrieben hatte, wurden immer wieder verletzt. Mutige Anwälte verbringen unzählige Stunden damit, genau diese Verletzungen im Nachhinein wieder rückgängig zu machen.
Was das mit unserem Wasser zu tun hat
Wir begannen nachzulesen. Wie viele Verfassungen weltweit verankern Wasser eigentlich als Grundrecht? Die Zahl überraschte uns — gerade einmal 31 Länder, gut 15 Prozent weltweit, haben das Recht auf Wasser explizit in ihrer Verfassung stehen. Die meisten davon erst zwischen 2004 und 2015.
2010 erkannte die Generalversammlung das Recht auf sauberes Trinkwasser offiziell als Menschenrecht an. Klingt nach einem Meilenstein. Bei genauerem Hinsehen aber mit einem Haken: Die UN erlaubt eine “fortschreitende Verwirklichung” — jedes Land muss nur sein Bestes im Rahmen der eigenen Möglichkeiten tun. Und einundvierzig Länder enthielten sich bei der Abstimmung. Darunter ausgerechnet die USA, Großbritannien und Kanada — drei der reichsten Länder der Welt, die es sich am ehesten hätten leisten können, zuzustimmen.
Ein Recht, das existiert, aber niemanden bindet, es auch wirklich umzusetzen.
Es scheint aus unerklärlichen Gründen einfach niemanden zu kümmern.
Das zeigt uns umso deutlicher: Für unser Wasser müssen wir selbst einstehen. Uns selbst darum kümmern. Denn nur in der Gemeinschaft können wir wirklich gemeinschaftlich handeln.
Das lebende Gegenbeispiel
Und genau das ist es, was Österreich in Sachen Wasser eigentlich auszeichnet. Nicht ein Gesetz, das irgendwo geschrieben steht. Sondern Generationen von Menschen, die sich tatsächlich darum gekümmert haben. Private Wasserversorger, Wassergenossenschaften, Menschen, die Leitungen bauten, Quellen schützten, und Verantwortung übernahmen — nicht weil es ein Grundrecht auf dem Papier gab, sondern weil sie verstanden hatten, dass niemand sonst es tun würde.
Kein Kläger, kein Richter — und trotzdem Schutz, weil genug Menschen selbst zu Hütern wurden.
Genau das ist die Verantwortung, die wir weitertragen wollen.
REFERENZEN
Rechte für Ausländer:
Vilcabamba / Valley of Longevity:
Verfassungen mit Wasser als Grundrecht:
UN-Resolution 64/292 (2010):
Quelle: Offizieller UN-Resolutionstext, Refworld · Center for Economic and Social Rights — Details zur Abstimmung